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Kontingenz

Kann die Erfahrung von Kontingenz qua Kunst, also die Erfahrung, dass das Nichtnotwendige als möglicherweise andersverlaufend aus- und hierin vorgestellt wird, als Motor von Kritik fungieren?

Dieser Frage liegt die Überzeugung zugrunde, dass sich im ästhetischen Abstrahieren der Mensch im »Vermögen, das Besondere […] zu denken«[1] übt, mithin im allgemeinen Urteil über das jeweils Besondere schult und sich hierin politisches Potential verorten ließe. Es scheint, als findet im Urteilen über Politik wie über Kunst eine notwendig immer wiederkehrende Aushandlung zwischen Spezifischem und Allgemeinem statt. Kunst wie Politik erscheinen in der Öffentlichkeit, sind mit Hannah Arendt gesprochen, ihr Bezugsgewebe. Und es stimmt, erst im reflektierenden Urteil des Geschmacks, über die abstrahierende Kraft der Einbildung, wird eine Entscheidung unter Berücksichtigung der verschiedenen Meinungen getroffen. Diese Einbildungskraft ist somit »die Fähigkeit, präsent zu machen, was abwesend ist«[2]. Im Geschmacksurteil übt sich somit das politische Urteil.

Die weiter gefasste Frage nach dem Zusammenhang zwischen Politik und Kunst[3] wurde schon in der griechischen Antike gestellt. So macht Platon in der Politeia deutlich, dass Ausübung und Produkte der Künste für den Bürger gerade dasjenige als Praxis einüben, was nach Platon gerade zu verdammen ist: Demokratie. Für Platon sind die nachahmenden Techniken (›techné‹) von der Sphäre der Politik zu (unter)scheiden, gerade weil der in den mimetischen Techniken produzierte Abglanz politische Wirkmacht besäße. Im Ineinander-Übergreifen der bei Platon voneinander streng getrennten Stände entsteht Platon zufolge ein Chaos, welches er mit dem politischen System der Demokratie gleichsetzt, in der verschwenderischen Prinzipienlosigkeit, die »förmlich überquillt von Freiheit und von Schamlosigkeit«.[4] Darüber hinaus ist für Platon die Nachahmung (›mimêsis‹) defizitär. Nicht weil sie die abzubildende Welt nur fehlerhaft abzubilden imstande sei, sondern weil in der Nachahmung statt wahrhaftiger Ideen nur sinnliche Erscheinungen der Dinge abgebildet werden. In der Nachahmung vollzieht sich also immer eine Ableitung. Zugleich sind die Dinge selbst bereits Ableitungen der Ideen, mithin produzieren die Künste Ableitungen der Ableitungen von Ideen. In der Rezeption der Kunstwerke wiederum durch das Publikum vollzieht sich wiederum erneut eine Ableitung der Ableitung der Ableitung. Das bedeutet jedoch auch, dass in der künstlerischen Wiedergabe der Dinge sich die Sichtbarmachung des jeweils subjektiven Anscheins dieser Dinge vollzieht.

Aristoteles, Schüler von Platon, nimmt diesen Gedanken in der Kritik der Politeia auf, indem er den Begriff der ›mimêsis‹ als zentralen Begriff rehabilitiert und den Künsten eine vereinigende und reinigende Kraft (›kátharsis‹) für das Zusammenleben der Menschen zuschreibt. Nach ihm ist Mensch ein von Natur aus politisches Wesen (›zôon politikon‹). Und daher sei der beste Staat zum Erreichen des Gemeinwohls aller freien Bürger die legitime Mehrheitsherrschaft (›politie‹). Bei Aristoteles erkennt die Polis den einzelnen Bürger und seine einzelnen, eigennützigen Bedürfnisse nur an, um diese zum Zwecke des Gemeinwohls mit jenen aller anderen abzuwägen. Für die Anerkennung und Abwägung bedarf es neben der Sprache (›logos‹) eines Verstehens, welches, nach Aristoteles, der Mensch qua Nachahmung (›mimêsis‹) erlerne und einübe. In der Erfahrung der Nachahmung als Aktivität wie auch in der Erfahrung der Produkte dieser ›mimêsis‹ finde der Mensch Befriedigung und Gefallen.[5] Und so sind die Künste – Aristoteles bezieht sich in seiner Poetik auf die Dichtkunst – die Sichtbarmachung einer wahrscheinlichen bzw. möglichen Wirklichkeit. Während die Geschichtsschreibung dem Druck des Faktischen unterworfen ist und somit die gewesene Wirklichkeit nacherzählen muss, braucht die Dichtung nicht zu zeigen »was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d.h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche«.[6] So zeigt sich für Aristoteles erst in den bei Platon noch verbannten Künsten jenes ideelle, wahre Sein, und zwar in der ästhetisch gleichrangigen Verbindung von Form und Inhalt der Darstellung. Dass die Kunst affizierende Wirkmacht, und somit politisches Potential, besitzt, ist somit bereits seit der Antike sowohl pejorativ durch Platon als auch meliorativ durch Aristoteles bestimmt.

Die Verbindung affizierender Wirkmacht und Kontingenz deutet sich ebenfalls bereits in den antiken Schriften an, wie es u.a. Nicole Loraux und Giorgio Agamben für den Begriff der ›stasis‹ herausgearbeitet haben. Der griechische Begriff der Stasis steht nicht nur für das bei uns geläufige Stillstehen und schon etwas weiterreichende Stocken, sondern bedeutet ebenso Bürgerkrieg. Es ist der „Akt des sich Erhebens, des fest auf den Beinen Stehens (stasimos ist der Moment in der Tragödie, in dem der Chor zum Stehen kommt und spricht[…])“[7]. Loraux arbeitet heraus, dass die stasis einen politisierenden Schwellenzustand der Ununterscheidbarkeit (zwischen polis und oikos) bildet.

Kontingent nun ist, was nicht notwendig ist. Also das, was auch hätte nicht sein können oder auch hätte anders sein können. Radikal ist diese Erfahrung in der Kunst aufgrund des widerspenstigen, weil in sich gegenwendigen, Charakters der Kunst: Hier zeigt sich, dass, wo eine andere Geschichte geschrieben, eine andere Ordnung imaginiert werden kann, auch eine andere Gegenwart und Zukunft möglich ist. Im Aushalten dieser (radikalen) Kontingenz, kann sich Zeit und Raum einer gesellschaftlichen Vorstellungskraft ergeben und eröffnen, um andere Formen des Lebens, Arbeitens, Produzierens und Konsumierens zu denken.


[1] Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Werke in zehn Bänden, hg. von Wilhelm Weischedel, Band IIX, Darmstadt 1960, S. 251. [2] Hannah Arendt, Das Urteilen, München 2012, S. 101. [3] Siehe auch den Handbucheintrag von Anne Gräfe und Maria Muhle zu ‚Politik und die Künste‘ im Handbuch Kunstphilosophie, hrsg. Von Judith Siegmund, derzeit im Erscheinen 2022. Abschnitte des Eintrags sind hier zusammengefasst wiedergegeben. [4] Platon, 557b. [5] Aristoteles, Poetik 4, 1448b5-15. [6] Aristoteles, Poetik 9, 1451a37. [7] Giorgia Agamben, Stasis, Frankfurt am Main 2016, S. 24.

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